Dich kennt ja sowieso schon jeder aber stell Dich mal vor... Mein Name ist Michael Steingräber, auch als Mike S. bekannt. Ich bin 34 Jahre alt und wohne seit 1994 in Hamburg. Ich fahre seit 1983 BMX Flatland. In welchem Land treibst Du Dich gerade rum? Ich bin momentan in Sydney, Australien. Seit 1998 war ich jeden Hamburger Winter, das ist Sydney Sommer, wenigstens für einen Monat hier. Wie oft verreist Du im Jahr ungefähr? Dieses Jahr kam es mir vor, als wäre ich fast gar nicht verreist. Das lag aber nur daran, dass ich lediglich in Europa unterwegs war. Dennoch war ich in Paris, London, Birmingham, Prag, Köln, Brandenburg. Anfang des Jahres war ich auch in Sydney, und bevor ich auf meiner jetzigen Reise wieder hierher gekommen bin, war ich noch beim KOG in Tokio. Das waren auch schon so einige Reisen. Aber es gab auch Jahre, in denen ich dreimal in den USA war, und noch zusätzlich in Europa rumgereist bin, und im Winter/Sommer in Sydney, auf dem Weg hierher noch ein Stopp in Japan. Das war eigentlich ganz schön viel! Wie finanzierst Du das alles? Ich habe einiges an Geld gespart, als ich 1994-1998 im Fahrradladen gearbeitet habe, und als ich dann angefangen habe, viel rumzureisen und zu Contests zu fahren, habe ich mir gesagt, dass ich das so mache, solange das Geld reicht. Ich habe über die Jahre auch finanzielle Unterstützung von Dragonfly, Vans, Eastpak und Mutation erhalten, und wenn ich mal gut bei einem Contest war, dann gab es da ja auch Preisgeld. Irgendwie hat es bisher immer hingehauen, und deshalb mache ich das auch immer noch. Hast Du einen Job außer BMX fahren? Ich habe schon lange keinen anderen Job mehr gehabt, aber ich bekomme manchmal etwas Geld für Fotos, die veröffentlicht werden, und wenn es sich anbietet, dann mache ich auch mal einen kleinen Job hier oder da. Vor zwei Wochen war ich an der Gold Coast in Queensland, Australien, um da einem Freund zu helfen, einen großen Dirt Jump Contest zu organisieren. Das war der Red Bull Dirt Jam, und da bin ich auch bezahlt worden. Am Wochenende danach war ich in Canberra, um beim Auf- und Abbau einer Mini Rampe zu helfen. Ich bin also nicht arbeitsscheu, aber meistens haut es so hin. Wie hat das denn alles bei Dir angefangen mit dem BMX fahren? Irgendwie kam ich mit meinem damals besten Freund im Sommer 1983 darauf, mit Klapprädern rumzufahren und zu versuchen, den Lenker zu drehen, ohne abzusteigen und auf dem Hinterrad zu fahren. Gleichzeitig gab es einen BMX Boom, und ich wollte auch unbedingt so ein Rad haben. Zu Weihnachten in dem Winter bekam ich dann ein BMX Rad und auch noch eine Ausgabe des Speed BMX Magazins, in dem als Trick Tip der Front Wheel Hop war. Den habe ich dann andauernd geübt, und als in der nächsten Ausgabe ein neuer Trick war, war der auch noch dran usw. War es ein Traum, da zu sein, wo Du jetzt bist, oder hat sich das alles spontan ergeben? So etwas ergibt sich natürlich nicht wirklich spontan. In der Tat wollte ich, als ich 16 Jahre alt war, die Schule schmeißen um BMX Profi zu werden. Das habe ich zum Glück nicht gemacht, sondern habe stattdessen erst mein Abitur gemacht, und dann eine Tischlerlehre abgeschlossen. Das mit dem Profi sein wäre damals sowieso nicht so möglich gewesen. Aber ich bin immer viel gefahren, war auch oft erfolgreich auf Contests und so kamen einige Sponsoren, irgendwann sogar ein kleines BMX Gehalt, und so war es möglich, von BMX zu leben. Damit es da keine komischen Vorstellungen gibt: Ich verdiene mit BMX viel weniger, als ein normaler Arbeiter verdient. Und zu überleben ist mir nur möglich, weil ich sehr sparsam bin. Ich brauche nicht viel Luxus, dafür bin ich frei und kann viel Rad fahren... Wie ist es gekommen, daß Du Dir die Bremsen abgeschraubt hast? Das ist ja jetzt schon eine ganze Weile her; ich glaube 1999, im Sommer habe ich die Bremsen abmontiert. Ich glaube, es war einfach eine neue Herausforderung. Ich hatte es im Sommer zuvor schon einmal für ca. zwei Wochen versucht, und viel Spaß daran gehabt, aber ich hatte das Gefühl, daß ich zu viele Tricks verloren hatte. Als ich dann 1999 von einer Reise aus den USA zurückgekommen bin, wollte Thomas Ebeling unbedingt mit mir fahren gehen, und ich hatte keine Lust, mein ganzes Rad zu montieren. Also habe ich alles erstmal ohne Bremsen zusammengebaut und festgestellt, daß ich viele meiner Tricks auch ohne Bremsen konnte. Also sind sie ab geblieben... Das Gefühl, ohne Bremsen zu fahren, ist einfach ganz anders! Mir gefällt es! Was sind Deiner Meinung nach die Vor- und Nachteile des Fahrens ohne Bremsen? Ich mag einfach das Gefühl! Aber einige Tricks sind so viel schwieriger ohne Bremsen, daß sie fast unmöglich sind. Fast unmöglich! Eigentlich geht alles, wenn man genug übt! Und ein wesentlicher Nachteil ist das Fahren im Straßenverkehr. Das ist einfach scheiße! Ich könnte so viel schneller unterwegs sein, wenn ich Bremsen hätte. Und hier in Sydney sind überall Hügel, da ist es besonders schlimm, ohne Bremsen! Könntest Du Dir vorstellen, irgendwann wieder Bremsen an Dein Rad zu bauen? Ich denke manchmal daran, aber irgendwie wäre es komisch. Mir gefällt mein Rad auch so simpel, wie es ohne Bremsen ist. Aber viele der Tricks, die die anderen Pros machen, basieren auf der Bremse, und sie sehen sehr schön aus. Ich glaube aber nicht, daß ich mir Bremsen anbaue, solange ich so viel fahre, wie ich es immer noch mache. Wie findest Du es, daß jetzt jeder zweite ohne Bremse fährt? Ich finde es gut, wenn Leute ohne Bremsen fahren und auch etwas hinkriegen. Wenn jemand meint, er müsste unbedingt die Bremsen abbauen, und dann keinen Trick mehr kann, dann finde ich das etwas komisch. Wenn man das macht, weil es das ist, was man will, dann ist das vollkommen okay. Aber bei manchen Leuten vermute ich, daß sie glauben dadurch cool zu sein, und das ist nicht so mein Ding In jedem Contest Run nickst Du mir dem Kopf oder hebst die Hand etc Was möchtest Du den Leuten damit sagen? Ganz einfach: Seht ihr, ich kann es immer noch!!! Man darf nicht ganz vergessen, daß die Leute, die sich einen Contest ansehen, auch unterhalten werden wollen. Ich kann mehr mir jemandem Anfangen, der seine Gefühle zum Ausdruck bringt. Das tue ich durch meine Gesten. Wie schaut es mittlerweile mit Fleisch und Alkohol aus? Hat sich da bei Dir etwas geändert? Nein; Ich trinke keinen Alkohol und ich esse kein Fleisch. Was magst Du nicht an der Flatlandszene? Wie viel platz hast Du denn hier, den ich zutexten kann? Nein, so schlimm ist es gar nicht. Ich glaube, daß sich manche Leute etwas zu wichtig nehmen. Nur weil sie am lautesten schreien, habe sie noch lange nicht Recht oder repräsentieren die Meinung aller oder der meisten. Und es gibt zu viele Schafe, die ein paar Leuten blind hinterher laufen. Aber das ist beides nicht nur beim Flatland so, sondern in der Gesellschaft. Ehrlich gesagt ist es mir ein Bisschen egal. Ich mache so wie so das, was ich machen will, und ich wünsche mir, daß möglichst viele das auch so machen. Dann läuft das schon alles. Welche deutschen Flatlander werden in den nächsten Jahren sehr groß rauskommen? Was ist sehr groß? Sind die nicht alle schon groß? Frank Lukas könnte bald mal einen großen internationalen Contest gewinnen, wenn er mal kein Pech hätte und wenn der Boden mal nicht rutschig wäre. Daniel Fuhrmann und Chris Böhm sind meiner Meinung nach sehr gut und müssten mal alles im Contest schaffen. Ich wüßte gern, wie die dann abschneiden würden. Und mein homie Sascha Heydemann gibt auch Gas! Dein Rad besteht ja fast nur aus Titan Teilen. Wie leicht ist Dein Rad denn mittlerweile? 11kg Was für Vor- und Nachteile hat Deiner Meinung nach ein so leichtes Rad? Ein leichtes Rad lässt sich leichter beherrschen, das ist mal ganz logisch! Man muß sich allerdings erstmal daran gewöhnen. Als ich das erste Mal einen Aluminium Rahmen ausprobiert habe, war mir das ganz einfach zu leicht. Ich war es einfach nicht gewohnt. Jetzt finde ich mein leichtes Rad super. Der Nachteil am Leichter werden ist allerdings, dass man sich immer an der Grenze bewegt. Man muß ausprobieren, was noch funktioniert, also stabil genug ist. Und da kann man auch schon mal falsch liegen, und irgendetwas funktioniert nicht mehr. Mittlerweile habe fast alle Flatland Rahmen da oder dort ein Rohr gebogen. Dein Signature Rahmen ist über die Jahre immer schlicht geblieben. Wird das auch so bleiben? Ich hätte am liebsten einen ganz schlichten Rahmen, so wie ein Street Rahmen. Aber das ist leider nicht so günstig zum Flatland fahren, weil man da einfach mehr Platz braucht. Gebogene Rohre fand ich von Anfang an nicht so toll, und sie sind auch einfach nicht so stabil wie gerade Rohre. Aber es gibt ja Gründe dafür, daß viele Flatland Rahmen gebogene Rohre haben. Es ist zweckmäßig, weil man dadurch, jedenfalls bei den meisten Rahmen, mehr Platz hat. Ich habe gerade meinen SOLO Rahmen etwas verfeinert: Das Unterrohr habe ich etwas nach oben verschoben und das Oberrohr etwas nach unten. Alles in Maßen und so, dass man es noch als SOLO erkennen kann. Und natürlich auch weiterhin ohne gebogene Rohre! Im Moment warte ich gerade auf den Prototypen und hoffe, daß er bald hier ankommt. Der Rahmen wird übrigens auch leichter, soll nur noch knapp über zwei kg wiegen. Ich habe vor noch nicht zu langer Zeit ein Foto von Dir gesehen, auf dem Dein Rad einen zweiteiligen Lenker hatte. Was war da los? Das Foto ist im letzten Sommer hier in Sydney entstanden. Ich hatte das Griffende von meinem Lenker abgebrochen und es gab hier keinen Ersatz, weder Titan noch CRMO. Also musste ich, während ich auf einen neuen Mike S. Lenker gewartet habe, erstmal einen zweiteiligen Lenker fahren. Das ging übrigens besser, als ich erwartet hatte. Aber ich war froh, als ich wieder meinen" Lenker bekommen habe! So! Jetzt mal eine Frage, die Dir bestimmt noch nie in einem Interview gestellt wurde: Was ist Dein Lieblingstier? Ich mag Hunde sehr gern! Als Kind hatte ich ziemliche Angst vor denen, aber jetzt finde ich sie super. Die freuen sich immer, wenn man nett zu ihnen ist, und es bringt viel Spaß, ihnen zuzusehen, wenn sie miteinander spielen. Hier in Sydney gibt es einen Park, in den ich gern gehe, weil viele Leute da ihre Hunde ausführen und sie auch miteinander spielen lassen. Super! Du bist ja einer der ersten Dragonfly Fahrer. Gab es über die Jahre Angebote von anderen großen Firmen? 1995 war Morales mal interessiert, aber das war nichts wirkliches, und später hatte ich noch mal ein Angebot von GT Europa, aber das war auch nicht besser als das, was ich eh schon hatte. Außerdem bin ich mit meinen Teilen Bei Dragonfly recht zufrieden und die haben auch immer so viel für mich getan, wie sie konnten. Es wäre schwierig, etwas anderes zu fahren! Was war Dein bestes Flatland Erlebnis? Als ich das erste Mal einen rolling gerator to rolling cross footed cabose geschafft habe, hatte ich ein absolutes körperliches Hochgefühl. Das hatte ich leider nie wieder bei einem neuen Trick. Das war sehr gut! Und mein run bei der WM 2002 in Köln, als ich zweiter geworden bin, hat auch sehr viel Spaß gebracht. Was denkst Du, wie lange Du noch Fahren wirst/kannst? Das ist schwierig zu beantworten. Ich glaube nicht, daß ich irgendwann von heute auf morgen komplett aufhöre, Rad zu fahren. Es kann schon sein, daß ich bald mal Geld verdienen muß wie die meisten anderen es auch machen, und dann hätte ich nicht mehr so viel Zeit zur Verfügung, wie jetzt. Aber ich glaube, daß ich auch dann noch fahren werde. Keiner weiß es! Mein Körper macht noch ganz gut mit, und ich hoffe, daß das auch so bleibt! Irgendwelche Zukunftspläne? Irgendwann mal einfach so glücklich sein, ohne irgendetwas machen zu müssen! Was möchtest Du noch zum Schluss loswerden? Ganz schönes langes Interview! Wen möchtest Du noch grüßen oder wem danken? Danke an meine Freundin Kerstin und meine Freunde Christoph, Sascha, Mike D., Ben, Manu, Matze, Ken, Thommy, Todde, Masha, Geraldine, Branca, daß sie mich so nehmen, wie ich bin. Danke an meine Sponsoren Vans, Dragonfly, Eastpak, RNC/Unity für die moralische und materielle Unterstützung... Und danke für dieses Interview !!
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